CD 1

Sinfonie Nr. 94 G-Dur Hob I:94

›Mit dem Pauken­schlag‹

Die Nummerierung der sechs Sinfonien 93 bis 98, die Haydn während seiner ersten London-Reise von Januar 1791 bis Sommer 1792 schrieb, ist irreführend. Die (zumindest im 19. und 20. Jahrhundert) berühmteste Sinfonie der Reihe – Nr. 94 – war wahrscheinlich die vierte, die er komponierte, und entstand zumindest in Teilen während der fünf Wochen im Spätsommer 1791, die er in der englischen Landschaft nördlich von London im Haus eines reichen Gönners, Nathaniel Brassey, verbrachte. Von dort aus schrieb er Mitte September an seine Freundin Maria Anna von Genzinger in Wien:
»Seit zwei Monaten … bin ich auf dem Lande, inmitten der schönsten Landschaft, bei einer Bankiersfamilie, wo … ich wie in einem Kloster lebe. Es geht mir gut, Gott sei Dank, bis auf mein übliches Rheuma; ich arbeite hart, und wenn ich frühmorgens allein mit meiner englischen Grammatik im Wald spazieren gehe, denke ich an meinen Schöpfer, meine Familie und alle Freunde, die ich zurückgelassen habe …«1 Dieser berührende Hinweis auf die frühmorgendlichen Spaziergänge des Komponisten in den Wäldern von Hertfordshire nimmt einen berühmten Kommentar des großen E.T.A. Hoffmann vorweg, der nur 15 Jahre später erschien:
»Haydns … Sinfonien führen uns durch endlose, grüne Waldlichtungen, durch ein buntes Gewimmel von fröhlichen Menschen. Jünglinge und Mädchen ziehen tanzend vorbei … lachende Kinder hinter Bäumen, hinter Rosensträuchern lauernd, werfen sich neckisch Blumen zu. Eine Welt der Liebe … vor dem Sündenfall …«2

Pastorale Stimmungen dieser Art sind bei Haydn natürlich allgegenwärtig, wahrscheinlich mehr als in den Werken jedes anderen Komponisten dieser Zeit: Überall finden sich unwiderstehliche Anklänge an bezaubernde Volkslieder und ländliche Tänze. Doch was das Londoner Publikum, das diese späten Sinfonien hörte, am meisten zu beeindrucken schien, war der erstaunliche Kontrast zwischen der spielerischen Unschuld eines so scheinbar einfachen Rohmaterials und dem so unendlich variantenreichen Umgang des Komponisten damit, dem umwerfenden Witz, der Tiefe und dem Raffinement.

1 Brief an Frau M. A. von Genzinger, 17. September 1791.
2  E.T.A. Hoffmann, Allgemeine musikalische Zeitung, Leipzig, 4. und 11. Juli 1810, Spalte 630–42, 652–9, wiederveröffentlicht in Hoffmann: Kreisleriana.

So schrieb zum Beispiel einer der ersten Londoner Rezensenten dieser 94. Sinfonie am Tag nach ihrer Uraufführung am 23. März 1792:
»Eine neue Komposition von einem Mann wie Haydn ist ein großes Ereignis in der Geschichte der Musik. Neu an der am gestrigen Abend aufgeführten großartigen Ouvertüre [wie eine Sinfonie damals üblicherweise genannt wurde] war, dass sie ein bemerkenswert einfaches Thema hatte, dann aber zu enormer Komplexität anwuchs, exquisit moduliert und von beeindruckender Wirkung. Der Beifall der Kritiker war leidenschaftlich und überbordend.«

Ein anderer Kritiker, der ebenfalls Zeuge des Abends war, hob insbesondere die überraschende Wirkung des legendären Sforzando-Akkords im langsamen Satz hervor:
»Der zweite Satz war den glücklichsten Eingebungen des großen Meisters ebenbürtig. Es wäre vielleicht nicht unpassend, die ›Surprise‹ mit jenem Schreckmoment zu vergleichen, den eine vom Rauschen eines fernen Wasserfalls in Schlummer versetzte schöne Hirtin beim unerwarteten Abfeuern einer Schrotflinte [wie sie zur Vogeljagd verwendet wird] erlebt. Das Flötenobligato war köstlich.«

Das englische Publikum kannte diese Sinfonie schon bald unter dem Namen ›The Surprise‹, der zweifellos seinen Anteil daran hatte, dass das Werk danach häufiger in England aufgeführt worden sein dürfte als jede andere von Haydns Sinfonien. Allerdings muss man hinzufügen, dass der laute Akkord im langsamen Satz nur eine der vielen Überraschungen in diesem Werk ist, die von den frühen Hörern sicherlich allesamt gleichermaßen wahrgenommen und geschätzt wurden. Im Dezember 1793 dirigierte Haydn in Wien zwei Wohltätigkeitskonzerte für die Witwen und Waisen der Tonkünstler-Societät und konnte die Sinfonie seinen Landsleuten in diesem Rahmen mit ähnlichem Erfolg wie in England vorstellen (wenn auch offenbar mit wesentlich mehr Interpreten, als ihm in London zur Verfügung standen). Auch hier war es das »Überraschungsmoment«, das sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog und dazu führte, dass das Werk den Beinamen ›Mit dem Paukenschlag‹ erhielt. In London wurde, wie so oft der Fall, das Ereignis mit Gedichten – meist von erschreckender Qualität – kommentiert, hier ein Beispiel:
Noch tönt der holde Gesang, der sanftes Entzücken erwecket, Noch schweben die lieblichen Bilder uns vor. Auf einmal schweigt die Musik: ein lauter Pauckenschlag schrecket Uns donnernd aus süssen Träumen empor.

So schrieb zum Beispiel einer der ersten Londoner Rezensenten dieser 94. Sinfonie am Tag nach ihrer Uraufführung am 23. März 1792:
»Eine neue Komposition von einem Mann wie Haydn ist ein großes Ereignis in der Geschichte der Musik. Neu an der am gestrigen Abend aufgeführten großartigen Ouvertüre [wie eine Sinfonie damals üblicherweise genannt wurde] war, dass sie ein bemerkenswert einfaches Thema hatte, dann aber zu enormer Komplexität anwuchs, exquisit moduliert und von beeindruckender Wirkung. Der Beifall der Kritiker war leidenschaftlich und überbordend.«

Ein anderer Kritiker, der ebenfalls Zeuge des Abends war, hob insbesondere die überraschende Wirkung des legendären Sforzando-Akkords im langsamen Satz hervor:
»Der zweite Satz war den glücklichsten Eingebungen des großen Meisters ebenbürtig. Es wäre vielleicht nicht unpassend, die ›Surprise‹ mit jenem Schreckmoment zu vergleichen, den eine vom Rauschen eines fernen Wasserfalls in Schlummer versetzte schöne Hirtin beim unerwarteten Abfeuern einer Schrotflinte [wie sie zur Vogeljagd verwendet wird] erlebt. Das Flötenobligato war köstlich.«

Das englische Publikum kannte diese Sinfonie schon bald unter dem Namen ›The Surprise‹, der zweifellos seinen Anteil daran hatte, dass das Werk danach häufiger in England aufgeführt worden sein dürfte als jede andere von Haydns Sinfonien. Allerdings muss man hinzufügen, dass der laute Akkord im langsamen Satz nur eine der vielen Überraschungen in diesem Werk ist, die von den frühen Hörern sicherlich allesamt gleichermaßen wahrgenommen und geschätzt wurden. Im Dezember 1793 dirigierte Haydn in Wien zwei Wohltätigkeitskonzerte für die Witwen und Waisen der Tonkünstler-Societät und konnte die Sinfonie seinen Landsleuten in diesem Rahmen mit ähnlichem Erfolg wie in England vorstellen (wenn auch offenbar mit wesentlich mehr Interpreten, als ihm in London zur Verfügung standen). Auch hier war es das »Überraschungsmoment«, das sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog und dazu führte, dass das Werk den Beinamen ›Mit dem Paukenschlag‹ erhielt. In London wurde, wie so oft der Fall, das Ereignis mit Gedichten – meist von erschreckender Qualität – kommentiert, hier ein Beispiel:
Noch tönt der holde Gesang, der sanftes Entzücken erwecket, Noch schweben die lieblichen Bilder uns vor. Auf einmal schweigt die Musik: ein lauter Pauckenschlag schrecket Uns donnernd aus süssen Träumen empor.

Sinfonie Nr. 99 Es-Dur Hob. I:99

Als Haydn im Februar 1794 aus Wien nach London zurückkehrte, hatte er bereits einige Sinfonien als Entwürfe im Gepäck – und die Sinfonie Nr. 99 sogar vollständig und aufführungsreif parat. Sie war mit ziemlicher Sicherheit bereits viele Monate zuvor in Wien komponiert worden, denn wie bei den Sinfonien 100 und 101 liegen Teile davon als Arrangements für eine mechanische »Spieluhr« vor, die aus dieser Zeit stammen.

Da der Komponist das Werk also bereits bei seiner Abreise aus Wien mitführte, konnte er es auch gleich nach seiner Rückkehr in der englischen Hauptstadt präsentieren. Und so fand die Uraufführung bereits am 10. Februar beim Konzert von Salomon am Hanover Square statt, nur etwa eine Woche nach Haydns Ankunft und noch während er sich in seinem neuen Zuhause einrichtete und alltägliche Dinge regelte.

Aufgrund des großen Wirbels in der Presse war das Londoner Publikum gespannt auf das, was ihr Held ihnen nun wieder mitgebracht hatte. Und wie die Reaktionen in den Zeitungen am nächsten Morgen zeigten, wurde man nicht enttäuscht: »Der unvergleichliche Haydn hat eine Ouvertüre geschaffen, von der man unmöglich in gewöhnlichen Worten sprechen kann. Es ist eine der großartigsten künstlerischen Leistungen, die wir je erlebt haben. Sie steckt voller Gedanken, die in der Musik ebenso neu wie großartig und beeindruckend sind; sie weckt alle Arten von Gefühlen und berührt jeden Teil der Seele. Das Werk wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen … Haydn leitete die Aufführung vom Piano Forte aus … Die große Orchesterprobe von gestern Abend … eine Komposition der exquisitesten Art, ausdrucksstark, phantasievoll, kühn und beeindruckend …«

Die Journalisten hatten nicht unrecht. Hatte Haydn mit den sechs Sinfonien aus seiner ersten Zeit in England prachtvolle Kunstwerke geschaffen, so unterstreicht er mit dieser 99. Sinfonie von Anfang an, dass er neue Klang- und Gefühlswelten erkundet. Faszinierenderweise hatte er in den 20 Monaten, die er zuvor in Wien verbracht hatte, den jungen Beethoven unterrichtet und mit ihm zusammenarbeitet, und in gewisser Weise scheint dieses Werk den sinfonischen Stil vorwegzunehmen, der auch die beiden ersten, nur wenige Jahre später entstandenen Beethoven-Sinfonien prägt.

Ein offensichtliches Zeichen für diesen gefühlten Richtungswechsel bei Haydn ist die Erweiterung der Orchesterbesetzung um zwei Klarinetten. Das Instrument war damals relativ neu, sodass die Veränderung für Haydn und sein Publikum einen großen Schritt bedeutete. Er hatte bis dahin in keiner seiner früheren Londoner Sinfonien Klarinetten eingesetzt – die Holzbläsergruppe bestand lediglich aus zwei Flöten, zwei Oboen und zwei Fagotten. Vermutlich hatte er irgendwann in den Musikerkreisen seiner Wiener Heimat beobachtet, wie eindrucksvoll sich die Klarinettentechnik entwickelt hatte, und daraufhin mit Salomon spezielle Vereinbarungen getroffen, wonach Klarinettisten von nun an Teil des Londoner Orchesters sein sollten.

Warum macht dies einen solchen Unterschied aus? In früheren Sinfonien bereicherten Flöten und Oboen die oberen Tonlagen des Orchesters um Helligkeit, Präzision und Klarheit, während die Fagotte eher mit dem Klang der unteren Streicher (Celli und Bratschen) harmonierten. Oft spielten die oberen und unteren Teile der Bläsergruppe gleichsam separat voneinander. Doch hier, im allerersten Akkord dieser neuen Sinfonie, verändern die Klarinetten dieses Gleichgewicht radikal, denn sie umfassen nunmehr das gesamte Klangspektrum der Bläser vom tiefen bis zum hohen Ton. Damit gewinnen die Bläser eine neue Eigenständigkeit und werden neben den Streichern zu einer Art zweitem Orchester, das eine eigene koloristische und emotionale Welt eröffnet. Diese Tatsache bedeutete einen enormen Zugewinn an Tiefe, Größe und dramatischen und akustischen Möglichkeiten.

Eine weitere Besonderheit dieser neuen Sinfonie, die für das Londoner Publikum absolut aufregend und neu geklungen haben muss, war die deutliche Veränderung in Haydns harmonischer Sprache. In der herrlich imposanten langsamen Einleitung des ersten Satzes gibt es auffällige Momente der Dissonanz und Härte sowie intensive chromatische Veränderungen in der Stimmführung, und dieses neue Gefühl von Schroffheit und Dunkelheit dauert das ganze Werk über an. Nicht, dass Haydn solch eine Kühnheit jemals gefürchtet hätte, aber jetzt schien er bereit gewesen zu sein, noch einen großen Schritt weiterzugehen. Die Musik klingt schon an der Oberfläche weniger verspielt und signalisiert durch ihre Ernsthaftigkeit, dass sie das Publikum und die Musiker in Tiefen führen wird, die sie bisher noch nicht erlebt haben.

Und nicht zuletzt kommt der Kontrapunkt viel stärker zum Tragen. Haydn war schon immer ein begnadeter Kontrapunktiker; zusammen mit seinem Freund Mozart hatte er in der Bibliothek des Barons van Swieten in Wien die Manuskripte früherer Komponisten wie Bach und Händel studiert und viel über dieses Thema gelernt. Interessanterweise nötigte er auch seinen jungen Schüler Beethoven unter anderem dazu, sich mit dem Kontrapunkt zu beschäftigen … wobei Beethoven sich später bitter darüber beklagte, dass Haydn sich praktisch nie bemüht habe, die Fehler seines Schülers zu korrigieren. Ob das nun wirklich so war, sei dahingestellt; Tatsache aber ist, dass sich der letzte Satz der 99. Sinfonie in einem Feuerwerk kontrapunktischer Akrobatik entlädt, das unsere Ohren mit immer neuen Wendungen und Überraschungen fesselt, sodass wir zu keinem Zeitpunkt wissen, was die Musik als Nächstes mit uns vorhat.

Kein Wunder, dass die Londoner Zuhörer so begeistert waren.

Warum macht dies einen solchen Unterschied aus? In früheren Sinfonien bereicherten Flöten und Oboen die oberen Tonlagen des Orchesters um Helligkeit, Präzision und Klarheit, während die Fagotte eher mit dem Klang der unteren Streicher (Celli und Bratschen) harmonierten. Oft spielten die oberen und unteren Teile der Bläsergruppe gleichsam separat voneinander. Doch hier, im allerersten Akkord dieser neuen Sinfonie, verändern die Klarinetten dieses Gleichgewicht radikal, denn sie umfassen nunmehr das gesamte Klangspektrum der Bläser vom tiefen bis zum hohen Ton. Damit gewinnen die Bläser eine neue Eigenständigkeit und werden neben den Streichern zu einer Art zweitem Orchester, das eine eigene koloristische und emotionale Welt eröffnet. Diese Tatsache bedeutete einen enormen Zugewinn an Tiefe, Größe und dramatischen und akustischen Möglichkeiten.

Eine weitere Besonderheit dieser neuen Sinfonie, die für das Londoner Publikum absolut aufregend und neu geklungen haben muss, war die deutliche Veränderung in Haydns harmonischer Sprache. In der herrlich imposanten langsamen Einleitung des ersten Satzes gibt es auffällige Momente der Dissonanz und Härte sowie intensive chromatische Veränderungen in der Stimmführung, und dieses neue Gefühl von Schroffheit und Dunkelheit dauert das ganze Werk über an. Nicht, dass Haydn solch eine Kühnheit jemals gefürchtet hätte, aber jetzt schien er bereit gewesen zu sein, noch einen großen Schritt weiterzugehen. Die Musik klingt schon an der Oberfläche weniger verspielt und signalisiert durch ihre Ernsthaftigkeit, dass sie das Publikum und die Musiker in Tiefen führen wird, die sie bisher noch nicht erlebt haben.

Und nicht zuletzt kommt der Kontrapunkt viel stärker zum Tragen. Haydn war schon immer ein begnadeter Kontrapunktiker; zusammen mit seinem Freund Mozart hatte er in der Bibliothek des Barons van Swieten in Wien die Manuskripte früherer Komponisten wie Bach und Händel studiert und viel über dieses Thema gelernt. Interessanterweise nötigte er auch seinen jungen Schüler Beethoven unter anderem dazu, sich mit dem Kontrapunkt zu beschäftigen … wobei Beethoven sich später bitter darüber beklagte, dass Haydn sich praktisch nie bemüht habe, die Fehler seines Schülers zu korrigieren. Ob das nun wirklich so war, sei dahingestellt; Tatsache aber ist, dass sich der letzte Satz der 99. Sinfonie in einem Feuerwerk kontrapunktischer Akrobatik entlädt, das unsere Ohren mit immer neuen Wendungen und Überraschungen fesselt, sodass wir zu keinem Zeitpunkt wissen, was die Musik als Nächstes mit uns vorhat.

Kein Wunder, dass die Londoner Zuhörer so begeistert waren.

CD 2

Sinfonie Nr. 95 c-Moll Hob. I:95

Haydns erste Wochen und Monate in London im frühen Frühjahr 1791 waren so arbeitsintensiv, dass es fast schon absurd wirkte. Zwar hatte er das Aufführungsmaterial für mindestens zwei ältere Sinfonien bereits beisammen, sodass er etwas Zeit gewann, doch musste er sich sofort an die ersten beiden neuen Sinfonien setzen, die für die Erfüllung seines Vertrags mit Salomon – dem großen Geiger und Impresario, der ihn nach England gebracht hatte – unbedingt fertig werden mussten. Gleichzeitig arbeitete er an der Fertigstellung einer großen Oper – ›L’anima del filosofo‹ – für das King’s Theatre und einen anderen Impresario. Außerdem lernte er die Londoner Orchestermusiker kennen, von denen ihm einige in den ersten Proben zunächst spürbar ablehnend begegneten, ehe er sie mit seinem ruhigen Charme und seiner großen Erfahrung für sich einnehmen konnte. Und als eben erst in der britischen Hauptstadt eingetroffene europäische Berühmtheit (dieses höchst anachronistische Wort scheint angesichts des erstaunlichen Pressewirbels und des öffentlichen Interesses, das um den großen Komponisten entstanden war, durchaus angebracht) hatte er ohnehin schon einen vollen Terminkalender.

Die Nummerierung der ersten sechs Londoner Sinfonien entspricht nicht der Reihenfolge ihrer Entstehung. Die erste vollendete Sinfonie war mit ziemlicher Sicherheit die 96., der bald darauf die 95. folgte – die als einzige im finalen 12er-Zyklus in Moll komponiert wurde.
Hört man das Werk mit an Mozart und Beethoven geschulten Ohren, fällt es schwer, nicht ein wenig erstaunt zu sein über diese unbeschwerte Musik in einer Tonart – c-Moll –, die wir dank der Werke der beiden anderen Meister mit intensiver Dramatik und Ernsthaftigkeit verbinden. Aber wir wollen Haydn nicht Unrecht tun – seine c-Moll-Sinfonie ist ein ausgesprochen spielerisches Werk, das ständig und auf dramatische Weise zwischen sehr unterschiedlichen Stimmlagen wechselt, fast wie in einer komischen Oper.

So beginnt zum Beispiel der erste Satz mit einer kühnen und ernsten theatralischen Geste, getragen von aufwallendem Zorn und einem Wunsch nach Rache. Binnen Sekunden jedoch fallen schon andere, lieblichere und eher trostreiche Stimmen ein und erzeugen eine bezaubernde Gesamtwirkung, ähnlich wie ein Konversationsstück mit einer ganzen Gruppe von Figuren, die alle etwas anderes zu sagen haben. Am Ende des Satzes fühlt sich der Hörer mitnichten als Zeuge einer Tragödie, sondern eher so, als hätte er einer lebhafte Szene aus einem anregenden Theaterstück beigewohnt. Wobei die bezaubernde Wirkung im nächsten Satz noch stärker wird: Denn jetzt erwartet uns ein anmutiger höfischer Tanz mit eleganten Variationen und einem funkelnden Cellosolo.

Für viele Hörer und Kommentatoren ist das Menuett der beeindruckendste Teil dieser Sinfonie. Was sie gleichzeitig zu verwirren scheint – vielleicht, weil sie davon ausgehen, dass ein Menuett der frivolste und leichteste Teil einer Sinfonie ist, nicht aber ihr eigentliches Herzstück. Auch diesmal hatte der Komponist Erfolg mit seinem unermüdlichen Verlangen, seine Hörer zu überraschen.

Natürlich stellen Menuette, so schön und fesselnd sie auch sein mögen, für moderne Hörer ein Problem dar. Die meisten von uns tanzen keine Menuette mehr, also ist unsere Vorstellung von dem, was da passiert, eher unklar. Zu Haydns Zeiten aber tanzte jeder diesen Tanz, zumindest in den oberen Gesellschaftsschichten, und die ersten Hörer der Sinfonie haben diesen Teil nicht so sehr mit dem Verstand, sondern vielmehr mit dem ganzen Körper erlebt und sich dazu die vertrauten Schritte und Gesten dieser äußerst beliebten Form der Unterhaltung vorgestellt. Mit anderen Worten: Wie in den vorangegangenen Sätzen haben wir es hier mit sozialer Musik zu tun, die uns vorführt, wie sich Menschen in geselliger Runde verhalten. C-Moll macht die Musik nicht zwangsläufig zu einer privaten oder tragischen Angelegenheit!

In diesem Zusammenhang sei an einen brillanten Eintrag in Haydns Londoner Tagebüchern erinnert, der ein Bankett für den Oberbürgermeister von London beschreibt, das einige Monate nach der Entstehung der Sinfonie – gegen Ende des Jahres 1791 – in der äußerst imposanten Londoner Guildhall ausgerichtet wurde: »Der Oberbürgermeister wurde vor und auch nach dem Essen standesgemäß eskortiert, und es gab allerhand feierliche Rituale; ein Schwert und eine Art goldene Krone wurde vor ihm hergetragen, zum Klang von Trompeten und einer Blaskapelle … Nach dem Essen … wurden wir anderen Gäste in einen Nebensaal geführt … In diesem kleinen Saal gab es auf jeder Seite vier erhöhte Bankreihen, wo das schöne Geschlecht meistens die Oberhand hatte. Dort wurde ausschließlich Menuett getanzt; ich konnte es nicht länger als eine Viertelstunde aushalten; erstens wegen der Hitze, die von so vielen Menschen in einem so kleinen Raum verursacht wird, und zweitens wegen der erbärmlichen Tanzkapelle, die lediglich aus zwei Geigen und einem Violoncello bestand. […] Von dort ging ich in einen anderen Saal, der eher einer unterirdischen Höhle glich. […] Die Musik war etwas besser, denn immerhin gab es eine Trommel in der Kapelle, die das Elend der Geigen übertönte …«

Haydns Sinn für das Absurde und Amüsante – ob in Worten oder Musik – ist unwiderstehlich!

Für viele Hörer und Kommentatoren ist das Menuett der beeindruckendste Teil dieser Sinfonie. Was sie gleichzeitig zu verwirren scheint – vielleicht, weil sie davon ausgehen, dass ein Menuett der frivolste und leichteste Teil einer Sinfonie ist, nicht aber ihr eigentliches Herzstück. Auch diesmal hatte der Komponist Erfolg mit seinem unermüdlichen Verlangen, seine Hörer zu überraschen.

Natürlich stellen Menuette, so schön und fesselnd sie auch sein mögen, für moderne Hörer ein Problem dar. Die meisten von uns tanzen keine Menuette mehr, also ist unsere Vorstellung von dem, was da passiert, eher unklar. Zu Haydns Zeiten aber tanzte jeder diesen Tanz, zumindest in den oberen Gesellschaftsschichten, und die ersten Hörer der Sinfonie haben diesen Teil nicht so sehr mit dem Verstand, sondern vielmehr mit dem ganzen Körper erlebt und sich dazu die vertrauten Schritte und Gesten dieser äußerst beliebten Form der Unterhaltung vorgestellt. Mit anderen Worten: Wie in den vorangegangenen Sätzen haben wir es hier mit sozialer Musik zu tun, die uns vorführt, wie sich Menschen in geselliger Runde verhalten. C-Moll macht die Musik nicht zwangsläufig zu einer privaten oder tragischen Angelegenheit!

In diesem Zusammenhang sei an einen brillanten Eintrag in Haydns Londoner Tagebüchern erinnert, der ein Bankett für den Oberbürgermeister von London beschreibt, das einige Monate nach der Entstehung der Sinfonie – gegen Ende des Jahres 1791 – in der äußerst imposanten Londoner Guildhall ausgerichtet wurde: »Der Oberbürgermeister wurde vor und auch nach dem Essen standesgemäß eskortiert, und es gab allerhand feierliche Rituale; ein Schwert und eine Art goldene Krone wurde vor ihm hergetragen, zum Klang von Trompeten und einer Blaskapelle … Nach dem Essen … wurden wir anderen Gäste in einen Nebensaal geführt … In diesem kleinen Saal gab es auf jeder Seite vier erhöhte Bankreihen, wo das schöne Geschlecht meistens die Oberhand hatte. Dort wurde ausschließlich Menuett getanzt; ich konnte es nicht länger als eine Viertelstunde aushalten; erstens wegen der Hitze, die von so vielen Menschen in einem so kleinen Raum verursacht wird, und zweitens wegen der erbärmlichen Tanzkapelle, die lediglich aus zwei Geigen und einem Violoncello bestand. […] Von dort ging ich in einen anderen Saal, der eher einer unterirdischen Höhle glich. […] Die Musik war etwas besser, denn immerhin gab es eine Trommel in der Kapelle, die das Elend der Geigen übertönte …«

Haydns Sinn für das Absurde und Amüsante – ob in Worten oder Musik – ist unwiderstehlich!

Sinfonie Nr. 98 B-Dur Hob. I:98

Wahrscheinlich fielen die Vorarbeiten für diese B-Dur-Sinfonie in den Sommer 1791, als Haydn fünf Wochen außerhalb Londons auf dem Landsitz seines Freundes und Gönners Nathaniel Brassey zubrachte, etwa die Zeit, als er auch seine Sinfonie ›Mit dem Paukenschlag‹ vollendete. In einem berühmten Brief an seine Wiener Freundin Maria Anna von Genzinger spricht der Komponist in schwärmerischen Worten von dem Aufenthalt: von der »schönsten Landschaft« und dem Leben »wie in einem Kloster« und davon, wie »ich frühmorgens allein mit meiner englischen Grammatik in den Wäldern spazieren gehe …«3

Anscheinend wurde das Werk jedoch erst im darauffolgenden Januar oder Februar fertiggestellt. Aufgeführt wurde es am 2. März 1792. Kurz zuvor hatte Haydn eine schreckliche Nachricht erreicht. Denn ganz am Ende des Jahres 1791 oder – mit größerer Wahrscheinlichkeit – zu Beginn des Jahres 1792 machte er in seinen privaten Tagebüchern eine ebenso lakonische wie schockierende Notiz: »Mozard [sic] ist am 5. Dez. 1791 gestorben«

Seit der Romantik äußern Kommentatoren die Meinung, dass Haydn seinem jungen Freund, den er so sehr liebte und bewunderte, mit dieser tief empfundenen Sinfonie ein Denkmal setzen wollte. Und vielleicht stimmt es wirklich, dass er Mozart musikalisch umschreibt; vielleicht aber auch nicht. Wie immer es sich hier verhält – was uns mehr als zwei Jahrhunderte später bewegt, ist, dass der Komponist während der Arbeit an seiner Sinfonie von dem Todesfall im fernen Wien erfuhr.

Es gibt noch andere gute Gründe, warum diese Musik so persönlich und berührend klingt, die keiner romantischen Erklärung bedürfen. Einer davon ist in der Partitur zu finden. Nach Meinung der Experten war es zu jener Zeit selten, dass Komponisten in der Tonart B-Dur Trompeten und Pauken einsetzten, und auch Haydn tat dies hier zum ersten Mal. Ein Grund dafür war unter anderem, dass die Trompeten in dieser Tonart – aus akustischen Gründen – dunkler, ernster und geheimnisvoller klangen als etwa in D-Dur und deshalb auch nicht die gewohnte strahlende Wirkung haben konnten. Aber in dieser Sinfonie ging es dem Komponisten um genau dies: Dunkelheit, Geheimnis und eine Art inneres Leuchten.

Die Veränderungen des Orchesterklangs, die die Sinfonie mit sich bringt, enden jedoch nicht bei den Trompeten und dem Schlagzeug. Die gesamte Partitur ist reich an subtilen Effekten. Das beginnt zum Beispiel mit wunderbar ineinander verwobenen Einsätzen von Holzbläsern und Streichern, geht weiter mit den zarten Soli für die erste Oboe (vor allem im ersten Satz) und hört mit den Passagen, in denen die gesamte Cellogruppe oder die ersten Violinen allein – fast wie eine Gruppe von Konzertsolisten – auftreten, noch lange nicht auf. Bemerkenswert ist zudem das grandiose Violinsolo im letzten Satz, das offensichtlich als Würdigung – und vielleicht auch als eine Art Neckerei – für Haydns Freund Johann Peter Salomon gedacht war, der Haydns Konzerte leitete und ihn als Impresario nach England gebracht hatte.

3 Brief an M.A. von Genzinger, 17. September 1791. Zitat gekürzt und wiederholt.

Der vielleicht seltsamste Effekt aller zwölf Londoner Symphonien ereignet sich dann nur wenige Augenblicke vor dem Ende, wenn auf einmal brillante Arpeggien zu hören sind, die wie Glockengeläut klingen. Haydn schrieb sie für das obere Register des Fortepianos, das er selbst spielen wollte. Unvermittelt wie ein Springteufel tauchen sie beinahe erst in den allerletzten Takten auf. Mit dieser Geste wollte Haydn vielleicht auch sein Londoner Publikum necken und erheitern, das ihn verehrte und zu seiner Freude immer sehr empfänglich für den unerwarteten Effekt war. Wie er später einem seiner Biografen erzählte, wurde unweigerlich der letzte Satz als Zugabe verlangt, wenn er mit der Sinfonie in der englischen Hauptstadt gastierte. Umso bemerkenswerter, dass er die schillernde Stelle bei der späteren Überarbeitung der Sinfonie für die Aufführung in Wien einfach strich.

Vielleicht liegt aber der tiefste Grund für die ungewöhnliche Klangkraft dieser Sinfonie im musikalischen Material selbst. Hervorzuheben ist zunächst die ungewöhnliche Menge an Tönen in einer Moll-Tonart, und zwar mehrfach in einer sehr seltenen Moll-Tonart. So wie die c-Moll-Sinfonie immer wieder in lebhafte Dur-Tonarten umschlägt, löst sich die Dur-Sinfonie immer wieder in Moll-Tonarten auf, oft mit komplexen Harmonien, die der Musik zuweilen eine tragische Note verleihen. Vielleicht liegt hier ein weiterer klarer Grund, warum romantische Hörer die Sinfonie als Ausdruck der Trauer um den Tod Mozarts verstehen wollten. Die gesamte langsame Einleitung des ersten B-Dur-Satzes ist für die Streicher in b-Moll geschrieben, eine für Streichinstrumente ungewöhnliche und seltene Tonart, die eine dunkle Stimmung erzeugt – vielleicht eine Parallele zum dunklen Klang der Trompeten in B-Dur.

Hinzu kommt, dass der dramatische, rezitativische Duktus des Anfangs – der an den Beginn einer tragischen Arie in einer Oper erinnert – an vielen weiteren Stellen der Sinfonie auf spektakuläre Weise wiederaufgegriffen wird. Vor allem im ersten Satz nimmt er – als bekanntestes Beispiel – die unterschiedlichsten Verwandlungsformen in hellem Dur an. Doch auch im dritten und vierten Satz werden wir davon in den überraschenden Momenten in den Bann gezogen. Für die gesamte Sinfonie ergibt sich daraus ein ungewöhnlich starkes Gefühl der Einheit, so als ob jeder Satz direkt aus dem erwachsen würde, was unmittelbar zuvor zu hören war

Schließlich gibt es noch den ergreifend schönen langsamen Satz, dessen Hauptmelodie sich eindeutig von der englischen Hymne ›God Save the King‹ herleitet (die wiederum von einem alten Volkstanz aus Portugal und Spanien inspiriert ist). Einige haben behauptet, dies sei der Moment, in dem Haydn am innigsten an Mozart denkt. Das kann sein; aber nicht minder wahrscheinlich ist, dass er dem deutschsprachigen englischen Königspaar Georg lll. und Charlotte von Mecklenburg- Strelitz Tribut zollt, das ihn, anders als die Wiener Aristokratie, in seinem Haus als Ehrengast empfangen hat – oder wie der König es ausdrückte: »als guten, ehrlichen deutschen Mann«.

Der vielleicht seltsamste Effekt aller zwölf Londoner Symphonien ereignet sich dann nur wenige Augenblicke vor dem Ende, wenn auf einmal brillante Arpeggien zu hören sind, die wie Glockengeläut klingen. Haydn schrieb sie für das obere Register des Fortepianos, das er selbst spielen wollte. Unvermittelt wie ein Springteufel tauchen sie beinahe erst in den allerletzten Takten auf. Mit dieser Geste wollte Haydn vielleicht auch sein Londoner Publikum necken und erheitern, das ihn verehrte und zu seiner Freude immer sehr empfänglich für den unerwarteten Effekt war. Wie er später einem seiner Biografen erzählte, wurde unweigerlich der letzte Satz als Zugabe verlangt, wenn er mit der Sinfonie in der englischen Hauptstadt gastierte. Umso bemerkenswerter, dass er die schillernde Stelle bei der späteren Überarbeitung der Sinfonie für die Aufführung in Wien einfach strich.

Vielleicht liegt aber der tiefste Grund für die ungewöhnliche Klangkraft dieser Sinfonie im musikalischen Material selbst. Hervorzuheben ist zunächst die ungewöhnliche Menge an Tönen in einer Moll-Tonart, und zwar mehrfach in einer sehr seltenen Moll-Tonart. So wie die c-Moll-Sinfonie immer wieder in lebhafte Dur-Tonarten umschlägt, löst sich die Dur-Sinfonie immer wieder in Moll-Tonarten auf, oft mit komplexen Harmonien, die der Musik zuweilen eine tragische Note verleihen. Vielleicht liegt hier ein weiterer klarer Grund, warum romantische Hörer die Sinfonie als Ausdruck der Trauer um den Tod Mozarts verstehen wollten. Die gesamte langsame Einleitung des ersten B-Dur-Satzes ist für die Streicher in b-Moll geschrieben, eine für Streichinstrumente ungewöhnliche und seltene Tonart, die eine dunkle Stimmung erzeugt – vielleicht eine Parallele zum dunklen Klang der Trompeten in B-Dur.

Hinzu kommt, dass der dramatische, rezitativische Duktus des Anfangs – der an den Beginn einer tragischen Arie in einer Oper erinnert – an vielen weiteren Stellen der Sinfonie auf spektakuläre Weise wiederaufgegriffen wird. Vor allem im ersten Satz nimmt er – als bekanntestes Beispiel – die unterschiedlichsten Verwandlungsformen in hellem Dur an. Doch auch im dritten und vierten Satz werden wir davon in den überraschenden Momenten in den Bann gezogen. Für die gesamte Sinfonie ergibt sich daraus ein ungewöhnlich starkes Gefühl der Einheit, so als ob jeder Satz direkt aus dem erwachsen würde, was unmittelbar zuvor zu hören war

Schließlich gibt es noch den ergreifend schönen langsamen Satz, dessen Hauptmelodie sich eindeutig von der englischen Hymne ›God Save the King‹ herleitet (die wiederum von einem alten Volkstanz aus Portugal und Spanien inspiriert ist). Einige haben behauptet, dies sei der Moment, in dem Haydn am innigsten an Mozart denkt. Das kann sein; aber nicht minder wahrscheinlich ist, dass er dem deutschsprachigen englischen Königspaar Georg lll. und Charlotte von Mecklenburg- Strelitz Tribut zollt, das ihn, anders als die Wiener Aristokratie, in seinem Haus als Ehrengast empfangen hat – oder wie der König es ausdrückte: »als guten, ehrlichen deutschen Mann«.