Wahrscheinlich fielen die Vorarbeiten für diese B-Dur-Sinfonie in den Sommer 1791, als Haydn fünf Wochen außerhalb Londons auf dem Landsitz seines Freundes und Gönners Nathaniel Brassey zubrachte, etwa die Zeit, als er auch seine Sinfonie ›Mit dem Paukenschlag‹ vollendete. In einem berühmten Brief an seine Wiener Freundin Maria Anna von Genzinger spricht der Komponist in schwärmerischen Worten von dem Aufenthalt: von der »schönsten Landschaft« und dem Leben »wie in einem Kloster« und davon, wie »ich frühmorgens allein mit meiner englischen Grammatik in den Wäldern spazieren gehe …«3
Anscheinend wurde das Werk jedoch erst im darauffolgenden Januar oder Februar fertiggestellt. Aufgeführt wurde es am 2. März 1792. Kurz zuvor hatte Haydn eine schreckliche Nachricht erreicht. Denn ganz am Ende des Jahres 1791 oder – mit größerer Wahrscheinlichkeit – zu Beginn des Jahres 1792 machte er in seinen privaten Tagebüchern eine ebenso lakonische wie schockierende Notiz: »Mozard [sic] ist am 5. Dez. 1791 gestorben«
Seit der Romantik äußern Kommentatoren die Meinung, dass Haydn seinem jungen Freund, den er so sehr liebte und bewunderte, mit dieser tief empfundenen Sinfonie ein Denkmal setzen wollte. Und vielleicht stimmt es wirklich, dass er Mozart musikalisch umschreibt; vielleicht aber auch nicht. Wie immer es sich hier verhält – was uns mehr als zwei Jahrhunderte später bewegt, ist, dass der Komponist während der Arbeit an seiner Sinfonie von dem Todesfall im fernen Wien erfuhr.
Es gibt noch andere gute Gründe, warum diese Musik so persönlich und berührend klingt, die keiner romantischen Erklärung bedürfen. Einer davon ist in der Partitur zu finden. Nach Meinung der Experten war es zu jener Zeit selten, dass Komponisten in der Tonart B-Dur Trompeten und Pauken einsetzten, und auch Haydn tat dies hier zum ersten Mal. Ein Grund dafür war unter anderem, dass die Trompeten in dieser Tonart – aus akustischen Gründen – dunkler, ernster und geheimnisvoller klangen als etwa in D-Dur und deshalb auch nicht die gewohnte strahlende Wirkung haben konnten. Aber in dieser Sinfonie ging es dem Komponisten um genau dies: Dunkelheit, Geheimnis und eine Art inneres Leuchten.
Die Veränderungen des Orchesterklangs, die die Sinfonie mit sich bringt, enden jedoch nicht bei den Trompeten und dem Schlagzeug. Die gesamte Partitur ist reich an subtilen Effekten. Das beginnt zum Beispiel mit wunderbar ineinander verwobenen Einsätzen von Holzbläsern und Streichern, geht weiter mit den zarten Soli für die erste Oboe (vor allem im ersten Satz) und hört mit den Passagen, in denen die gesamte Cellogruppe oder die ersten Violinen allein – fast wie eine Gruppe von Konzertsolisten – auftreten, noch lange nicht auf. Bemerkenswert ist zudem das grandiose Violinsolo im letzten Satz, das offensichtlich als Würdigung – und vielleicht auch als eine Art Neckerei – für Haydns Freund Johann Peter Salomon gedacht war, der Haydns Konzerte leitete und ihn als Impresario nach England gebracht hatte.
3 Brief an M.A. von Genzinger, 17. September 1791. Zitat gekürzt und wiederholt.